Horst Köhler

Fotos: Privat

Fotos: Privat

Im Frühsommer 1940 zog die Familie in das ländliche Waltersdorf. Die Kinder Horst und Adolf, genannt Dolf, verbrachten bei den Großeltern und auf dem Hof von Verwandten eine glückliche Zeit.

Flucht

Am 12. Februar 1945 floh Mutter Köhler mit ihren Kindern Horst, Adolf und Eva auf Anraten des Großvaters aus Waltersdorf. Nach langer Zugfahrt über Prag erreichte die Familie in der Nacht Reichenberg (Liberec) in der damaligen Tschechoslowakei. Dort sollte Horst Köhler auch seinen Vater wieder sehen, der vom Krieg gezeichnet an seinem siebten Geburtstag dort ankam.

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 wurden rund 3,25 Millionen Menschen aus der Region Schlesien vertrieben.

Die Flucht vor der Roten Armee führte von Reichenberg bis nach Eger. Dort kam Horst Köhler mit seiner Mutter, dem Bruder und einer Tante in das Flüchtlingslager, bevor sie mit dem Zug von Eger nach Weiden transportiert wurden. Ein Erlebnis mit dubiosen „Schleusern“ sollte für sein späteres Berufsleben Folgen haben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen Millionen Menschen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland in den Westen, der von Zerstörung, Hunger und Armut gezeichnet war. Heimatvertriebene waren nicht willkommen.

Neue Heimat Wendlingen am Neckar

Vielfach wurden Geflüchtete und Vertriebene in ihrem neuen Umfeld als „Rucksackdeutsche“, „Pollacken“ oder „Zigeuner“ beschimpft. Diskriminierung und Ausbeutung waren an der Tagesordnung.

Doch manchmal trug die Religionszugehörigkeit zur Annäherung beider Seiten bei. Es war der Glaube, der Mutter Köhler die Kraft gab, das Erlebte zu ertragen. Kraft gab ihr später auch der Frauenbund Wendlingen-Unterboihingen, der sie als gute Klavierspielerin sehr schätzte und ihr immer wieder Gelegenheit gab, über Flucht und Vertreibung zu sprechen.

Bereits als Schulkinder teilten die Brüder Köhler ihre Begeisterung für Tischtennis. Wiederholt baten sie den Vorsitzenden des TV Unterboihingen um Aufnahme. 1954 war es endlich soweit. Rasch engagierte sich Horst als Klassenspielleiter und Pressewart des Tischtennisbezirks. Dies ermöglichte es ihm zu Beginn der 1960er Jahre an einer Sonderreise des Deutschen Tischtennisbunds zur Tischtennis Weltmeisterschaft nach Prag teilzunehmen.

Hierfür benötigte er ein Visum, das er im Landratsamt Nürtingen beantragte.

„Meine Kinder wissen, dass ich im Sudetenland geboren wurde und als Heimatvertriebener nach Deutschland kam. Meine noch minderjährigen Enkelkinder wären wohl mit der Vertreibungsgeschichte überfordert“.

Für Horst Köhler ist Wendlingen am Neckar Heimat. Seine sudetendeutschen Wurzeln und die Kinderjahre in Wigstadtl sind für ihn Geschichte.