Horst Köhler

Heimat
Horst Köhler wurde am 13. Juni 1938 im mährischen Vítkov, Sudetenland, geboren. Rund 4.400 Menschen lebten zu jener Zeit in der damals tschechoslowakischen Stadtgemeinde, die am 10.10.1938 infolge der Deutschen Besetzung in „Wigstadtl“ umbenannt wurde. Hier wurden auch seine Mutter und Großmutter geboren. Der Vater sowie Horst Köhlers Großvater entstammen Eger, einer Stadt im äußersten Westen Tschechiens.
Mutter Christine besuchte die Hotelfachschule in Marienbad, zog 1936 nach Bad Ullersdorf, einem der traditionsreichen Bäder von Mähren und arbeitete dort als Diätassistentin. Schon bald lernte sie ihren Mann kennen, der als Geschäftsführer eines Hotels tätig war. Beide heirateten 1937, ein Jahr später kam Horst zur Welt.
Bis zur Übernahme durch die Nationalsozialisten 1939 waren die Eltern in Bad Ullersdorf tätig.
Fotos: Privat
Fotos: Privat
Im Frühsommer 1940 zog die Familie in das ländliche Waltersdorf. Die Kinder Horst und Adolf, genannt Dolf, verbrachten bei den Großeltern und auf dem Hof von Verwandten eine glückliche Zeit.
Flucht
Am 12. Februar 1945 floh Mutter Köhler mit ihren Kindern Horst, Adolf und Eva auf Anraten des Großvaters aus Waltersdorf. Nach langer Zugfahrt über Prag erreichte die Familie in der Nacht Reichenberg (Liberec) in der damaligen Tschechoslowakei. Dort sollte Horst Köhler auch seinen Vater wieder sehen, der vom Krieg gezeichnet an seinem siebten Geburtstag dort ankam.
Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 wurden rund 3,25 Millionen Menschen aus der Region Schlesien vertrieben.
Die Flucht vor der Roten Armee führte von Reichenberg bis nach Eger. Dort kam Horst Köhler mit seiner Mutter, dem Bruder und einer Tante in das Flüchtlingslager, bevor sie mit dem Zug von Eger nach Weiden transportiert wurden. Ein Erlebnis mit dubiosen „Schleusern“ sollte für sein späteres Berufsleben Folgen haben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen Millionen Menschen aus den Ostgebieten und dem Sudetenland in den Westen, der von Zerstörung, Hunger und Armut gezeichnet war. Heimatvertriebene waren nicht willkommen.
Neue Heimat Wendlingen am Neckar
Vielfach wurden Geflüchtete und Vertriebene in ihrem neuen Umfeld als „Rucksackdeutsche“, „Pollacken“ oder „Zigeuner“ beschimpft. Diskriminierung und Ausbeutung waren an der Tagesordnung.
Doch manchmal trug die Religionszugehörigkeit zur Annäherung beider Seiten bei. Es war der Glaube, der Mutter Köhler die Kraft gab, das Erlebte zu ertragen. Kraft gab ihr später auch der Frauenbund Wendlingen-Unterboihingen, der sie als gute Klavierspielerin sehr schätzte und ihr immer wieder Gelegenheit gab, über Flucht und Vertreibung zu sprechen.
Am 24. Juli 1949 gründete ein kleiner Kreis Egerländer die Egerländer Gmoi Wendlingen, deren erster Vorsteher Anton Rödl war. Bereits vier Wochen später, am 25.8.1949, hatte die Kindergruppe der Egerländer Gmoi, die Walter Helm ins Leben rief, beim 1. Landestreffen der Egerländer in Plochingen ihren Auftritt.
Nach Beendigung seiner Schulzeit stellte sich für Horst Köhler die Frage nach einer Ausbildung.
Hans Köhler (Foto: Privat)
Bereits als Schulkinder teilten die Brüder Köhler ihre Begeisterung für Tischtennis. Wiederholt baten sie den Vorsitzenden des TV Unterboihingen um Aufnahme. 1954 war es endlich soweit. Rasch engagierte sich Horst als Klassenspielleiter und Pressewart des Tischtennisbezirks. Dies ermöglichte es ihm zu Beginn der 1960er Jahre an einer Sonderreise des Deutschen Tischtennisbunds zur Tischtennis Weltmeisterschaft nach Prag teilzunehmen.
Hierfür benötigte er ein Visum, das er im Landratsamt Nürtingen beantragte.
„Meine Kinder wissen, dass ich im Sudetenland geboren wurde und als Heimatvertriebener nach Deutschland kam. Meine noch minderjährigen Enkelkinder wären wohl mit der Vertreibungsgeschichte überfordert“.
Für Horst Köhler ist Wendlingen am Neckar Heimat. Seine sudetendeutschen Wurzeln und die Kinderjahre in Wigstadtl sind für ihn Geschichte.














